Domkapellmeister Prof. Theodor Bernhard Rehmann (1895-1963)


Über ein reiches und lebendiges Jahrtausend hinaus in Gegenwart und Zukunft hinein strahlt abendländisch westliche Kultur aus von Aachen, jener fruchtbaren geistigen Landschaft, in der rheinisch-niederfränkisches Wesen mit irischen und englischen, flämischen und wallonischen wie französischen Kulturen immer neue Hochzeit einging. Und von Anfang an verdeutlicht sich der wache und offene Kulturwille im musischen Charakter des genius loci. Gegründet in der Geschichte, aus geographischer Schicksalsbedingtheit wie spezifischem Volkstum, begünstigt in den klimatischen Verhältnissen und getragen von allen soziologischen Entwicklungen und Wandlungen. Es ist vor allem ein universelles, ebenso traditionsstolzes wie dem Neuen aufgeschlossenes Musikleben, das im geistig und gesellschaftlich rheinisch beweglichen Kulturganzen dominiert. Von der schola palatina Alkuins über die hohen festlichen Anlässe der Kaiserkrönungen, Konzile, Wallfahrten, der weltpolitischen Treffen und Kongresse, die erste deutsche Aufführung der Neunten Sinfonie Beethovens, die stolze Tradition der Niederrheinischen Musikfeste - bis zur ersten Sammlung und Aufrichtung nach der Katastrophe 1945 im symbolhaft gebliebenen karolingischen Oktogon durch jene „Musiken im Dom“, die Theodor Bernhard  Rehmann, Stiftskapellmeister und Städtischer Musikdirektor in eins, als unvergeßliche Erlebnisse beschwor und ihm als unvergeßliches Verdienst zu danken sein werden.

Die Musikgeschichte des kulturellen Raumes wurde von bedeutenden Persönlichkeiten getragen, späterer Weltruf ging oft von hier aus und eine Folge glanzvoller Namen skandiert das Kommen und Gehen durch die Zeit: Anton Schindler, Franz Wüllner, Eberhard von Schwickerath, Fritz Busch, Peter Raabe, Herbert von Karajan, Paul van Kempen. - Händel schrieb hier sein „Alexanderfest“ - die Aachener Oper brachte Anfang vorigen Jahrhunderts den „Fidelio“ zum erstenmal in Paris - das Gregoriushaus hat bis nach Irland und Amerika den Ruf einer führenden Kirchenmusikschule - in den Stiftskapellmeistern Heinrich Böckeler und Franz Nekes hat die cäcilianische Reformbewegung maßgebliche Führer, und der vorbildliche Einsatz ihres Nachfolgers Theodor Bernhard Rehmann für das Neue Schaffen verbindet sich dieser Tradition und führt den weltbekannten Domchor mit Spitzenleistungen zu jenen entscheidungsvollen Tagungen der „Internationalen Gesellschaft für neue katholische Kirchenmusik“ nach Frankfurt, Rom und Paris.

Aber alles Einzelne wird bestimmt vom Geist einer Kulturganzheit. Es ist ein wahrhaft einigendes Kulturbewußtsein, in dem sich das Gewordene mit dem Kommenden als selbstverständlich verbindet, das die nahen politischen Grenzen überströmt und in dauerndem Ausausch als natürliche Ganzheit empfunden und bewußt fruchtbar gehalten wird.

Führende Persönlichkeit des heutigen geistigen und musischen Lebens dieser Kulturlandschaft ist Theodor Bernhard Rehmann. Ist die Landschaft in ihrem reichen, nach Raum und Zeit universell gewachsenen und ausstrahlenden Leben schon kaum in einem Aufsatz einzufangen, so sind auch unserer Bemühung, der reichen Individualität und vielseitig faszettierenden Erscheinung Rehmanns, ihren Absichten und Wirksamkeiten gerecht zu werden, Grenzen gesetzt. Dabei bleibt es erstaunlich, wie sich von jedem Standpunkt der Betrachtung her ein originäres, rundes und in sich geschlossenes Leistungsbild erzeigt. Die meisten denken, wenn von Theodor Bernhard Rehmann die Rede ist, an seine vorbildliche Tätigkeit als Aachener Domkapellmeister, an den hervorragenden Dirigenten, stilbildenden Interpreten, an die blut- und geistvolle Musikerpersönlichkeit. Anderen ist er im ersten Blick der lehrende Meister, der als Professor der Kölner Musikhochschule und Leiter ihrer Abteilung für Katholische Kirchenmusik, der aus überragendem Wissen und mit der seltenen Gabe, alles einzelne im Ganzen zu sehen, wirkt. Man kennt ihn vielerorts durch seine Vorträge, wo er aus dem Fluß der gedanklichen Strömungen immer das für die Stunde entscheidende Thema zu präzisieren versteht, ihm aus spiritueller Wachheit nachspürt und es mit rhetorischer Begabung darzustellen weiß. Man kennt ihn als philosophischen und künstlerischen Schriftsteller, als Redakteur von Zeitschriftenjahrgängen bleibenden Wertes; als geschmackvollen Stilisten, ursprünglichen Denker, leidenschaftlichen  Bekenner in künstlerischen und wissenschaftlichen Abhandlungen, bei welchen sich wissenschaftliche Einsicht, philosophische Ordnung, musische Ergriffenheit mit einer alles durchdringenden religiösen Berufung eint. Und mit all dem war noch nicht die Rede von dem Komponisten Theodor Bernhard Rehmann, der in kleinen und großen Werken, in geistlichen und weltlichen Tonschöpfungen dem zeitgenössischen Musikschaffen einen maßgeblichen Beitrag von individuellem Wert und gemeingültiger Bedeutung schenkt. Die lebendige, alle anderen Äußerungen durchstrahlende und substanzierende Mitte dieser reichen und kraftvollen Persönlichkeit ist aber ihr Priestertum. Ein Priestertum ursprünglicher Berufung und aus begnadeter Fülle des Erlebens, aus echter und lebendiger Katholizität, in welchem Sein und Tun in der Kontinuität ewiger Wahrheiten steht.

Dieses Leben der Ganzheit, aus der einen religiösen Mitte begnadet, verwurzelt und gestaltet, hatte wohl weniger seine äußeren Sensationen als seine gottnahen inneren Stunden des „brennenden Dornbusches“. Theodor Bernhard  Rehmann wurde 1895 in Essen als Sohn niederrheinischer  Eltern geboren. Seine Vorfahren waren Bauern und Handwerker. Auf dem Gymnasium macht sich zunächst die zeichnerische Begabung bemerkbar, dann ein literarisches Interesse, bis schließlich in den entscheidenden Jünglingsjahren die bei aller erstaunlich sich entwickelnden und bleibenden Vielseitigkeit der Bildung vorherrschende musikalische Begabung durchbricht. Der Neutöner seiner Jugend, Max Reger, ist es, dessen Werke bei dem schon historischen Essener Regerfest 1914 die glimmende Flamme der musikalischen Besessenheit aufbrechen läßt. Bach, Mozart und Reger werden in diesen Jahren zu bleibenden künstlerischen Weggefährten, denen sich später aus gleicher Liebe Anton Bruckner zugesellt. Von der Prima geht der junge Rehmann als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, macht in einem kurzen Urlaub sein Abitur, nimmt in die furchtbaren Materialschlachten die Partitur des Brucknerschen Te Deum mit und kehrt schließlich als Offizier und verwundet heim in den Zusammenbruch.

Ihn, dessen „politisches“ Bewußtsein im schmerzlich empfundenen Chaos jener Zeit zum erstenmal wach wird, führt die Gnade auf jenen Boden, der für seinen reichen Geist und seine leidenschaftliche Seele in der Entscheidung der frühen Männerjahre das feste Fundament abgibt und aus dem er immer mehr zu sich selbst findet. Theodor Bernhard Rehmann entschließt sich zum Studium der Theologie, und aus der Musikliebe der Jugendjahre drängt der Hunger nach Erkenntnis zum gleichzeitigen Studium der Musikwissenschaft. Auch während der frühen Kaplansjahre, ja noch während der ersten Zeit, nachdem er 1924 als Nachfolger von Franz Nekes in jungen Jahren zum Aachener Domkapellmeister bestellt worden ist, wird das theoretische und praktische Studium der Musik fortgeführt und bei so verschieden gearteten Meistern wie Peter Griesbacher, Josef Renner und dem Metzer Musikdirektor Richard L'Arronge abgeschlossen. Grundlegende Arbeiten über E.T.A. Hoffmann und die Publikation der Aachener Dommusik des 16. Jahrhunderts in den Denkmälern Deutscher Tonkunst sind neben aufschlußreichen Studien über die Musikgeschichte Aachens und seines größeren Kulturraums der musikwissenschaftlichen Forschungstätigkeit Rehmanns zu danken. (Berten bezieht sich hier auf Rehmanns Arbeit 'Johannes Mangon - Seine Zeit und sein Werk', die als druckfertiges Manuskript für die Denkmälerausgabe „Das Erbe deutscher Musik“ (Fortsetzungstitel der „Denkmäler deutscher Tonkunst“) konzipiert war, kurz vor der endgültigen Fertigstellung aber durch Bomben vernichtet wurde.)

Sein immer so starkes Verantwortungsgefühl muß in jener Stunde, da dem jungen Kaplan die Nachfolge eines Nekes auferlegt wurde, besonders groß gewesen sein. Schon immer drängte der schöpferische Impetus zu kompositorischen Versuchen; von jetzt aber steht jede Weitergabe eigenen Schaffens unter der Verantwortung des Amtes eines Domkapellmeisters der Kaiserpfalz, unter dem Schatten eines großen Vorgängers. In welchem Maße und mit welchen Ergebnissen der junge Künstler aber inzwischen um die Gesetze der Tonsprache gerungen hat, zeigt die Meisterschaft des ersten Werkes dieser Zeit: jener an den großen Vorbildern des A-cappella-Stils geschulten, kunst- und geistvollen Motettensammlung „Laetamini“.

Im Gegensatz zu den „romantischen Typen“, die in einem meist kurzen Schaffen gleich mit einem fertigen Persönlichkeitssstil hervortreten, gehört Rehmann zu dem „klassischen Schaffenstyp“, dessen Persönlichkeitsstil sich aus längerer menschlicher und künstlerischer Entwicklung in verschiedenen stilistischen Etappen bildet und das Eigentliche in immer wertvollerer Ausreifung zu geben hat. Vieles von dem, was auf die wachsende Schöpferpersönlichkeit lehrend und von der Umwelt her einwirkte, mußte Theodor Bernhard Rehmann in jenen mittleren Mannesjahren geistig und musikalisch überwinden (ohne die handwerkliche Erfahrung und das generelle Wissen darum als positiv fortwirkenden habitus zu verlieren), bevor er seinen unverkennbar persönlichen Stil fand. Zu einem nach der Zahl konzentrierten, nach Art und Charakter umfassenden Schaffen, in welchem sich alles Individuelle so beglückend natürlich mit dem Gemeingültigen findet und in dem mit errungener handwerklicher Meisterschaft der Gestaltungszwang im Technischen keinerlei Schwierigkeiten mehr begegnet. Charakteristisch für die Werke solcher Reife ist wieder einmal die Katholizität: die Ganzheit im Nebeneinander, die Kontinuität in der Harmonie zwischen Alt und Neu. Aus der Fülle des Schaffensbildes seien wenigstens genannt: die verschiedenen geistlichen und weltlichen Chorfolgen, die geistvoll ziselierten mehrstimmigen Gesänge der „Jubilate“- und Ruth Schaumann-Zyklen, kultivierte Klavierlieder über eigene und fremde Texte, das Streichquartett, Bühnen- und  Turmmusik - vor allem aber die meisterlichen Goethe-Chöre, die musikantisch blühende Blumenliedersuite mit Orchester, die schöne Missa „Cantantibus organis“, die glanzvolle Orchestermesse „Gloria Dei“, die großangelegte, eindringliche „Marienkantate“ für Solo, Chor und Orchester und nicht zuletzt die nach Substanz und Gestalt bedeutende Sinfonietta für Orchester, die in den schwersten Tagen des ausgehenden Kriegsgeschehens entstand.

Entscheidend waren Rehmanns Begegnungen mit dem Österreicher Joseph Venantius von Wöß und dem Flamen Julius van Nuffel (Photo rechts). Der Reichtum des abendländischen Musikerbes wird in diesen so unterschiedlichen Meistern aus einer individuell gehüteten und dabei doch einheitlichen Tradition in Süd und Nord fast im Sinn eines Schulbeispiels erfaßt. Wöß, der geistig bewegliche österreichische Musikant aus der Wiener Schule, bewahrt mit dem Erbe der Klassik das Vermächtnis Bruckners - in dem herberen, mehr spirituellen, tiefer vom Choral her inspirierten und den neuen Prinzipien der Ökonomie, des Antiliterarischen in der Musik, der Linearität, der liturgischen Unmittelbarkeit aufgeschlossenen Domkapellmeisters zu Mechelen, Julius van Nuffel (Photo links), dürfte sich mit kraftvollen Ergebnissen der Wille einer neuen Musica sacra am deutlichsten erzeigen.

(Photo v. l. n. r.: Heinrich Lemacher, Th. B. Rehmann, Josef Zimmermann, Flor Peeters, Hermann Schroeder) 

Ganz abgesehen davon, daß Theodor Bernhard Rehmann diese beiden Meister in ihrem reichen Werkbild der deutschen Kirchenmusik erst erschloß, wurden diese Begegnungen, gleich denen mit den Schaffenskreisen und Schöpferpersönlichkeiten der rheinischen und süddeutschen Kirchenmusik, zu fruchtbaren Freundschaften. Daß beispielsweise auch Heinrich Lemacher sich sobald und sicher in der kirchenmusikalischen Praxis beheimatet fühlen durfte, ist nicht zuletzt dem nachdrücklichen Eintreten Theodor Bernhard Rehmanns zu danken. Und über die bedeutungsvolle Freundschaft, die den Aachener mit dem Mechelener Domkapellmeister verbindet, wie über Rehmanns kenntnisreiche und tätige Verbindung mit dem ganzen flämischen Schaffenskreis, wie überhaupt über seinen so einsichtsvollen und vorbildlichen Einsatz für das Einigende und Gemeinsame des fränkischen Kulturkörpers insgesamt könnte und sollte einmal eine besondere Arbeit geschrieben werden.

Ich bin mir des Fragmentarischen meines Berichts durchaus bewußt. Wenn er schon die musikalische Seite nur andeuten kann, so ist ihm in den anderen Bereichen, die das Persönlichkeits- und Schaffensbild Rehmanns aus einer unlöslich ineinanderwirkenden Ganzheit entscheidend mitbestimmen, kaum die aphoristische Andeutung möglich. Man muß sich klar darüber sein, daß, immer auf dem festen Grunde der religio, auch der Musiker Rehmann von philosophischen, geistigen und musischen Quellen gespeist und größeren Strömen getragen wird, die der Nur-Musikant zu seinem eigenen Schaden nicht kennt und die wir unter den erschreckenden Zeichen handwerklichen Spezialistentums, geistiger Isolierung und kultureller Diskontinuität bis zu unserem Verderben und der Gefahr des Unterganges mißachten, als nicht notwendig verkennen. Nicht nur die Begegnungen mit den großen Musikern der Geschichte und seiner Zeit haben eine Persönlichkeit wie Theodor Bernhard Rehmann geformt, sondern gleichermaßen seine ständige Auseinandersetzung mit dem Geistigen in Zeit und Gegenwart schlechthin. Er weiß wahrhaftig die Bedeutung eines musikwissenschaftlichen Werkes, wie etwa Kurths „Der lineare Kontrapunkt“, in fruchtbarer Auseinandersetzung zu würdigen und zu nutzen - aber wie könnte es anders sein, als daß er gleichzeitig und mit gleicher Leidenschaft sich etwa mit Ernst Jünger oder Max Planck auseinandersetzt. Und so gehört es auch hierhin, seine Lieblingsbücher zu nennen: Max Schelers „Reue und Wiedergeburt“ und „Ressentiment im Aufbau der Moralen“, Jaspers’ „Psychologie der Weltanschauung“, Hefeles „Das Gesetz der Form“ und Guardinis „Vom Geist der Liturgie“.

Wir müssen uns bewußt bleiben, daß ein solch lebendiges und ganzheitliches Leben und Wirken, das zudem keineswegs abgeschlossen vor uns liegt, heute noch gar nicht vollkommen erfaßt werden kann. Bewußt war von den äußeren Erfolgen und der Repräsentanz, die mit der Persönlichkeit und Wirksamkeit Rehmanns reich verbunden sind, nicht die Rede. Es scheint uns wichtiger und verpflichtend zu sein, wenigstens in einer Überschau das Charakteristische soweit hervorzuheben, als es beispielhaft und zwingend notwendig sein sollte, gültig zu werden für uns alle, die wir unser Leben als geistige und sittliche Aufgabe zur Ehre Gottes und aus der Liebe zum Bruder erkennen wollen - und wie es aus göttlicher Gnade und menschlicher Leistung hier gesegnet vor uns liegt.

Der Verfasser, Walter Michael Berten (1902-1956), geboren in Dülken, war Komponist und Musikwissenschaftler. Quelle: Sinfonia Sacra, Werkschrift für Kirchenmusik, Düsseldorf 1948, Heft 2, S. 81-83.