Domkapellmeister Dr. Rudolf Pohl (geb. 1924)


Die »Cappella Carolina« oder das Konzert der Engel


Im Folgenden eine Zeitungskritik über ein Konzert des Aachener Domchores (Cappella Carolina), das am 14. April 1971 in der Kathedrale zu Chartres stattgefunden hat. In den Ausführungen wird überaus deutlich, wie wichtig die enge Verbindung von Priester- und Musikertum ist, um die Musica Sacra authentisch und spirituell durchdrungen zum Klingen zu bringen. Die Kritik erschien im »L’Echo republicaine« von Chartres am 16. April 1971 aus der Feder von Joel-Marie Fauquet.

Ein Zeugnis des Geistes und des Stils in sechs Jahrhunderten Polyphonie. Tausend Jahre Tradition des Gesanges, tausend Jahre Jugend, tausend Jahre Perfektion. Mehr als tausend Jahre nach Karl dem Kahlen, der in Aachen residierte, dem Stifter des Schleiers der Jungfrau, kommt die Cappella Carolina, der Chor, den er gehört hat, um musikalische Kleinode aus allen Zeitaltern und allen Stilen der Polyphonie darzubieten.

Diesmal waren die Chartrer weniger gleichgültig als gewöhnlich gegenüber den Chören, die aus aller Welt nach Chartres kommen, um zu singen. Man bedauert nur, nachdem man die Cappella Carolina gehört hat, daß die Kathedrale von Chartres nichts Entsprechendes besitzt.

Hundert Choristen stellen sich auf den Stufen des Hochaltars auf. Die jüngsten sind vielleicht sieben Jahre alt. Rudolf Pohl steigt aufs Pult. Wenig Bewegung. Er lockt die Stimmen mehr als er sie dirigiert: Er kennt sein Instrument und spielt darauf mit einer Schlichtheit, einer Gründlichkeit und einem Stilgefühl, die in allen Punkten bewundernswert sind. Er scheint kaum die untadelig gestimmten Saiten zu berühren, schon beginnen sie zu vibrieren in der Farbe und Nuance, die die präzise gestische Andeutung fordert.

Erfolgreiche Chöre, die Frauen- durch Knabenstimmen ersetzen, sind selten. Der Erfolg der Cappella Carolina ragt dadurch heraus, daß sie ihren Ruf sowohl aus der Interpretation der sinfonischen Messe und des Oratoriums als auch der A-cappella-Polyphonie genießt. Das Geheimnis? Die Stimmen dieser Kinder, ich spreche nicht von den Tenören und Bässen, die eine klare und profunde Mischung bilden, wie Erz – »sitzen«. Keine Konzession an jenen verderblichen, halb-geistlichen, halb-profanen Pseudo-Belkanto, der in Frankreich in gewissen wohlbekannten Singschulen gepflegt wird und der um den Preis der Stimmlage aus jedem Jungen, der »eine hübsche Stimme« besitzt, eine Nachtigall macht, die sich durch ständiges Zwitschern schließlich verschleißt. Nein, in Aachen formt man die Sänger, die in der Lage sind, ihren musikalischen Part zu lesen und zu kontrollieren und mit ihrer stimmlichen Persönlichkeit darzustellen in Verbindung mit einer musikalischen Kultur, die im Kontakt mit den Texten selbst erworben ist, Das farbige Programm, das Mittwochabend vorgetragen wurde, war aus fünf Jahrhunderten ausgewählt!

Tradition sagten wir; das, was an diesem Wort stark und reich ist, illustrierte Rudolf Pohl in seiner linearen, methodischen Konzeption der Werke. Es ist unerträglich, die Vokalwerke des 15., 16. und 17. Jahrhunderts vertikal dargestellt zu hören, zerstückelt und trocken wie reine Kontrapunktübungen.

Rudolf Pohl, der die spezifische Dichte eines jeden Werkes erspürt, zeigt in völlig verinnerlichter Einfachheit, die sich vollkommen in seinen Stimmen widerspiegelt, daß jedes dieser Stücke singt und reicher wird durch den Kontrast zu den anderen. Daher kommt die Fähigkeit, einen Chorsatz mehr aus der Prosodie zu entwickeln als ihn in einer künstlichen Manier mit einem beständig wogenden, affektierten Crescendo und Decrescendo zu nuancieren. Bei der Darbietung der Cappella Carolina findet man nicht die geringste Spur dieses Effektes, sondern die klare und strenge Ausstrahlung von vier, sechs und acht Stimmen, gleicherweise getragen durch die Beseelung im eigentlichen Sinne des Wortes und die geistig-musikalische Bedeutung des Satzes. So verstanden wachsen die Werke über Monotonie und Unpersönlichkeit hinaus.

Zuerst das »Tu solus« des Europäers Josquin de Près, gespannt, stark und mächtig wie ein romanischer Bogen; das schmerzvolle »O crux benedicta« in dem Hell-Dunkel des Flamen Clemens non Papa; die leuchtende Motette »O vos omnes« von Jacob van Berchem mit noch ausgeprägteren Kontrasten, die die Cappella Carolina machtvoll darbot. Weniger sicher vielleicht im Kontakt mit dem diffizilen »Vidi speciosam« des Spaniers Vittoria zu acht Stimmen, bemächtigte sich der Chor überzeugend dieser von mystischem Feuer durchglühten Polyphonie.

Die Perfektion eines Palestrina läßt sich nicht verwirklichen ohne eine gewisse Distanz. Als Meister der großen Formen und unfehlbarer Architekt trifft seine Gedrängtheit noch leuchtender die Gewalt des Gloria in die klingende Lichtfülle des Sanctus der berühmten Messe des Papstes Marzellus.

Ein Moment der Ekstase ist ein Moment gelebter Ewigkeit: So sind uns das Gloria und das Sanctus der Messe von Palestrina durch die Cappella Carolina erschienen. Die quasi lilienhafte Verbindung dieser Knabenstimmen mit den Stimmen der Männer, die Biegsamkeit des vokalen Modellierens, die Klarheit der Einsätze »dans le soufflé« ließen das »Tui sunt coeli« von Orlando di Lasso flammen, emporgehoben von einer Inspiration, die die acht Stimmen erglühen ließ.

Weniger zu sagen ist zu der Motette von Hans Leo Hassler, dem »Pater noster« von Jacob Handl und zu dem so zu Recht berühmten »Ave verum« von Mozart. Aber gestehen wir noch unsere innere Bewegung und unsere Bewunderung für die Interpretation der Motette von Michael Bach »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, die in die schweren Falten ihres Satzes den tröstenden alten Choral einhüllt; für die weiträumige Motette von Johann Sebastian Bach »Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf«, bei der die klingende Perfektion des Chores dem symbolischen, von der Musik ausgedeuteten Textgehalt zur Geltung brachte wie die machtvolle Geschlossenheit (ich denke an den ergreifenden, durch den streng harmonisierten Choral gesetzten Schluß); für die Darbietung des »Ave Maria« von Bruckner, wo in reiner, verhaltener Inbrunst Herren- und Knabenchor alternieren; endlich für das gewichtige und wirkungsvolle »Voce mea« von Jullus van Nuffel, das in seiner Vornehmheit und Großzügigkeit an seine flämischen Ahnen anknüpft. Die Cappella Carolina oder das Konzert der Engel…